Regulationsstörungen im Säuglingsalter oder Schreibaby und Dreimonatskoliken
Aah, so schön kuschelig hier. Wohlige, konstante Wärme, gedämpfte Stimmen, Schwerelosigkeit, Dunkelheit. Jetzt noch ein Schluck salziges Fruchtwasser und dann ein Nickerchen. Für meine Ernährung brauche ich ja nichts zu tun. Geht alles über die Nabelschnur. Es ist wie im Paradies.
Hoppla, jetzt wird´s aber plötzlich eng, und da drückt jemand gegen meine Füße. Ooh, jetzt wird´s aber ungemütlich, der Druck nimmt zu. Hej, was soll das? Da passt mein Kopf doch gar nicht durch. Oh je!
Verflixt, hier ist es aber ungemütlich. Kalt und dieses grelle Licht, da mache ich mal besser die Augen zu. Und laut ist es hier. Lauter neue Stimmen, nicht mehr nur diese sonore von der netten Frau und dem sympathischen Mann. Dauernd fingert jemand an mir rum. Und jetzt schneiden sie mir auch noch die Nabelschnur durch. O.k., ich versuch´s mal mit einem Nickerchen.
Hallo, was ist denn das? Da rumpelt es in meinem Magen, und es fühlt sich so komisch an. Ich glaube, ich mache jetzt besser auch mal Krach! Siehst du, geht doch. Da kommt die nette Frau, nimmt mich hoch und schiebt mir was in den Mund. Zum Glück habe ich das mit dem Saugen schon an meinem Daumen geübt. Uuh, was kommt da denn raus. Schmeckt süß. Aber gar nicht mal so schlecht nach dem salzigen Wasser. So, genug geschafft, ich fühle mich ja schon total prall. Völlig neues Gefühl. Jetzt erst mal ausruhen.
Oah, was ist denn jetzt los, das drückt und knurrt in meinem Bauch. Immer weiter nach unten. Und jetzt, aah, jetzt bin ich´s wieder los. Besser. Aber vielleicht sollte ich doch mal Laut geben, man weiß ja nie. Hmm, das mit dem Nickerchen nach so einem ereignisreichen Tag klappt auch nicht mehr so wie früher. Vielleicht hat die Frau eine Idee, ich ruf´sie mal. Ja, das Schaukeln ist toll. Da könnte ich mich dran gewöhnen.Aber irgendwie ist das hier draußen schon alles ganz anders. Ich weiß nicht so recht, ob ich das gut finde. Zum Glück gibt´s die Frau und den Mann.
Die machen es mir leichter ...
So gegenständlich sind die Gedanken des Neugeborenen und jungen Säuglings sicherlich nicht. Aber mit hoher Wahrscheinlichkeit stimmt der Inhalt im übertragenen Sinne schon.Dass ein Säugling schreit, nicht durchschläft und auch nicht immer unproblematisch trinkt weiß jeder, aber wo ist die Grenze zwischen Normalität und Krankhaftigkeit? Gerade für unerfahrene Eltern ist diese Grenze schwer zu erkennen.Säuglinge können ihr Verhalten nur im Austausch mit ihren Eltern regulieren. Deshalb ist die Entstehung von Störungen immer an diese Interaktion gekoppelt. Regulationsstörungen werden in 3 große Gruppen eingeteilt:
Exzessives Schreien im ersten Lebenshalbjahr
– Schlafstörungen
– Anhaltende Fütterungsprobleme
Diese Störungen resultieren aus einer Situation, in der der junge Säugling nicht mehr in der Lage ist sein Verhalten durch normale Interaktionsmuster wie Schreien, Schlafen, Füttern, Selbstberuhigung und Aufmerksamkeit normal zu regulieren. Durch die frühe Mutter - Kind - Beziehung lernt der Säugling sein Verhalten und seine Affekte zu regulieren. Dies geschieht über Berührung, Lautäusserung und Blickkontakt. Ist dieses Beziehungsmuster gestört, können daraus anhaltende Störungen der weiteren Entwicklung des Kindes resultieren. Umgekehrt können sich bei der Bezugsperson durch diese Situation Hilflosigkeit, Versagensängste, Wut, Frustration, Aggression, Depression einstellen. Dies wird durch äussere Faktoren (Familie, Freunde, soziales Umfeld) unter Umständen weiter verstärkt. Auch Persönlichkeit und Temperament von Mutter und Kind beeinflussen diese Entwicklung.Bestimmte psychsoziale Faktoren erhöhen das Risiko für die Entstehung der Störungen: Stress vor und nach der Geburt, problematische Schwangerschaft und Geburt, Partnerschaftsprobleme, Probleme in der Herkunftsfamilie, psychische Erkrankungen.Jedes 4.-5. Kind ist von mindestens einer der Störungen betroffen. Sie verstehen sich als Maximalvariante einer normalen Entwicklung. Regulationsstörungen sind nicht Störungen des Säuglings allein, sondern Produkt der Eltern - Kind - Beziehung:Kindliche Verhaltensauffälligkeit + akut / chronischem Überforderungssyndrom -> Entgleisung der Eltern - Kind - Interaktion.
Für alle Beteiligten ergibt sich mit der Geburt eines Kindes eine völlig neue Situation. Aus der Zweisamkeit wird von den Eltern in die Drei-, Vier- ... samkeit auseinander gerückt. Dazwischen das Kind. Und das fordert volle Aufmerksamkeit.

1. Exzessives Schreien
Schreien ist ein angeborenes Alarmsignal des Säuglings, das Fürsorgeverhalten bei den Bezugspersonen auslöst. Übliche Beruhigungsmaßnahmen bringen Kind und Eltern wieder zur Ruhe. Höhepunkt des Schreiens um die
6. Lebenswoche, jenseits des 3. Lebensmonats differenziert sich das Schreien zum Ausdruck von Empfindungen (Protest, Wut, Furcht, Panik, Traurigkeit, Verlassenheit u.a.).

Schreien und Quengeln mehr als 3 Std. / Tag an mindesten 3 Tagen / Woche über mindestens 3 Wochen, vor allem aber unstillbares Schreien, sind die Kriterien des exzessiven Schreien. Plötzliches Auftreten der Störung aus völligem Wohlbefinden, angezogene Beine, Steifmachen, harter Bauch, Grimassieren können Hinweise sein. Beruhigungshilfen helfen nicht mehr, das Kind lässt sich einfach nicht beruhigen, kann sich auch selbst nicht beruhigen. Der Schlaf - Wach - Rhythmus wird gestört, Unruhe und Überreizung nehmen zu. Ein Teufelskreis.Günstig in diesen Fällen sind eine stabile Partnerschaft der Eltern, wenig Begleit – Risikofaktoren, sowie Eltern, die ausreichende Reserven haben. Ansonsten drohen sich die Probleme zu verfestigen und in krankhafte Verhaltensmuster zu münden.In Ausnahmefällen sind für das Schreien organische Ursachen festzustellen. Diese sollten durch eine kinderärztliche Untersuchung ausgeschlossen oder bestätigt werden. Im Anschluss sollten die Betroffenen spezielle Hilfe in Anspruch nehmen (Schreiambulanzen u.a.). In den ersten
8 Lebenswochen kann „Pucken” (festes Einwickeln in Tücher oder Bettdecken)hilfreich sein, Blähungstropfen auf Simeticonbasis (z.B. Sab simplex, Lefax) gelten als wirkungslos.
Fortsetzung: Schlafstörungen, Fütterungsstörungen